Anlagebetrug (Boiler Room Scam)

Boiler-Room-Fraud ist eine besonders perfide Art des Anlagebetrugs, bei denen Anleger mit Hilfe von Social Engineering um ihr Vermögen gebracht werden.

(Boiler-Room = Händler-Saal)

Phase 1: Anködern

Boiler-Room-Scam kann Ihnen überall begegnen:

  • Ergebnisse nach der Suche von Kryptowährung, Forex-Produkten, CFDs etc. im Internet
  • Spam-E-Mails,
  • Anzeigen für lukrative Geldanlagen bei namhaften OnlineMagazinen / Zeitschriften,
  • Anzeigeneinblendungen auf Social Media Plattformen, z.B. über angeblich geheime Deals aus der Sendung „Die Höhle der Löwen“, die große Gewinne versprechen.

Verlinkungen führen zu Webseiten mit einem seriösen Aufbau. Die Anwaltskanzlei Herfurtner hat eine Sammlung der betrügerischen Webseiten begonnen und trennt diese nach Anfangsbuchstaben.

https://kanzlei-herfurtner.de/warnungen/

Auf diesen Webseiten wird in einigen Fällen mit Prominenten geworben, die diese Anlage auch schon erfolgreich ausprobiert hätten. Der Besucher der Webseite kann sich registrieren. Täter zielen vor allem auf die Rufnummer ab. Die Webseiten sind in der Regel in Steuerparadiesen registriert.

Phase 2: Der erste Kontakt

Das Opfer erhält nun Anrufe eines Maklers, meist mit ausländischer Rufnummer (Vorwahl aus UK, AT, CH). Diesem steht es i.d.R. skeptisch gegenüber – kann ihn aber aufgrund der Registrierung zuordnen. Bewusst wird dieser Skepsis Rechnung getragen und am Telefon eine kleine Anlagesumme von nur 250 EUR oder 500 EUR ausgehandelt. Es werden Investitionen in CFDs, Binären Optionen oder Anlagen in Kryptowährung empfohlen. Der Kunde darf mitentscheiden. Nach der Überweisung des kleinen Anlagebetrages erhält der Kunde einen Zugang zum Online Banking der betrügerischen Webseite, auf der er seine eingezahlte Geldanlage sieht. Mit jeder Anmeldung steigen die Erträge. Dem Opfer stellt sich die eigene Anlageentscheidung als richtig dar. Das Geld ist aber längst verloren.

Phase 3: Vertrauensbildung

Es wird beobachtet, dass es eine Art „persönliche“ Betreuung ähnlich einer Beraterzuständigkeit gibt. Das Betrugsopfer wird nun öfter von vermeintlichen Maklern kontaktiert. Der Anrufer ist aufgrund des Ertrags beim Kunden willkommen. Die Täter beherrschen die Techniken des Social Engineering:

  • Spiegeln von Interessen,
  • Bestätigen der Wut auf Banken,
  • Schmeicheln des Kundenwissens,
  • Schüren von Erwartungen,
  • Entlocken von Informationen, wie verfügbare Gesamtliquidität.
  • In einer späteren Phase folgt das Manipulieren der Aussagen des Opfers gegenüber Dritten, mit der man Familienmitglieder oder die Hausbank „überraschen“ soll, um so keine Störung von außen zu erfahren. So wurde Bank-Beratern wiederholt von Kunden als Begründung angegeben, dass ein Immobilienkauf anstehen würde, um Vermögensverwaltung, Fondsanlagen, Bausparverträge oder Versicherung zu kündigen.

Es wird bewusst im Gespräch kein direkter Druck aufgebaut. Dem Opfer wird immer die Entscheidung überlassen. Der Druck entsteht durch Angebote, die nur befristet verfügbar sein sollen und Optionen, die zeitnah auslaufen. Nimmt das Opfer diese nicht an, gibt es natürlich danach noch etwas Besseres, für den Kunden mit ausgewähltem Anlageinstinkt. Die Zahlungen befinden sich bis zu diesem Zeitpunkt im Dunkelfeld, d.h. Sie werden von niemanden als Betrug erkannt. Empfänger sind:

  • Drittzahlungsdienstleister, manchmal auch eigens dafür gegründet.
  • Börsen für Kryptowährungen, bei der das physische „Wallet“ dem Betrüger gehört.
  • Betrugskonten, die nur für eine Weiterüberweisung eröffnet werden.

Bei Kryptowährungshändlern werden die dortigen Konten oft bereits im Namen des Opfers eröffnet. Die Legitimation/Identifizierung kommt dabei vom Opfer selbst, weil der Täter dies in einer Weiterleitung vom Betrugsopfer verlangt. Das zugehörige Bitcoin-Wallet liegt aber nicht im Einflussbereich des Opfers. Dies gehört physisch dem Täter. Eine Rückabwicklung ist nicht möglich. (Spitzenschäden im Einzelfall:  bis zu 6- und 7-stellige Euro-Beträge / Durchschnittlicher Schaden pro Kunde: ca. 10.000 bis 50.000 EUR / Einzelüberweisungen: i.d.R. ab 1.000 EUR aufwärts)

Nachschuss-Phase

Will das Opfer aus irgendeinem Grund sein eingesetztes Kapital zurück, tritt langsam die Realisierung ein, dass es einem Betrug aufgesessen ist. In einigen Fällen wird auch ein vermeintlicher Crash der Anlage vorgetäuscht. Beim Opfer treten die Phasen der Trauer ein, welche der Täter perfide nutzt:

  • Erste Phase:  Nicht wahrhaben wollen: Der Täter spricht vom Charakter der Anlage, die verlangt, dass das Opfer noch mehr überweisen muss, um Geld zurückzuerhalten. Da das Opfer sonst nicht mehr an das Geld kommt, sitzt es gefühlt am kürzerem Hebel.
     
  • Zweite Phase: Zorn/Ärger: Das Opfer wird mit einem Vorgesetzten verbunden oder von diesem angerufen. Dies geht bis zum Chef der Anlagefirma, die jeweils beruhigen und dem Kunden eine besser Zukunft in Aussicht stellen, wenn er Anlagebeträge nachschießt.  
     
  • Dritte Phase: Verhandeln: Funktioniert bisher nichts, wird nachträglich eine Versicherung angeboten, die das Opfer bereits zu Beginn der Anlage hätte abschließen können. Um seine Verluste abzusichern, würde man diese rückwirkend ermöglichen. Auch das Geld ist verloren.

 

  • Vierte Phase: Depression/Trauer: Das Opfer ist hilflos und sieht sich als Verlierer in einer Abhängigkeit gefangen, auf das Wohlwollen des Täters angewiesen zu sein. Der Täter ist sich dieser Gewinner-Dominanz und Distanz bewusst. Weitere Anrufe und die Tatsache, dass dem Opfer in seiner Wahrnehmung niemand hilft, lässt eine surreale Wahrnehmung entstehen, an der Situation noch etwas ändern zu können. Plötzlich kann doch noch Geld zurücküber-wiesen werden. Der Kunde muss aber die Bank-, Rechts- oder Notarkosten vorab bezahlen.  
     
  • Fünfte Phase: Akzeptanz: Hat das Opfer akzeptiert, dass es betrogen wurde, beginnt die Trauerkurve erneut, richtet sich aber dann gegen das gesamte persönliche Umfeld, was aus der Perspektive des Opfers hätte helfen, warnen oder beschützen müssen.

Verlust-Realisierung

Mit der Verlust-Realisierung geht der Kunde zur Bank und zur Polizei. Anwälte werden kontaktiert.

Boiler-Room-Scam ist ein internationales Problem. Es können sich auch vermeintliche Anlagekonten in Deutschland befinden, deren Geldeingänge in andere Länder weitergeleitet werden.


Quelle: FIDUCIA & GAD IT AG